Thoughts are sometimes like whitecaps

no matter on beer or waves
Sonstiges

Beginn eines neuen Lebens – Johanna

Während sie in diese blauen Augen schaute, die sie groß ansahen, war in ihrem Kopf in diesem Moment zum ersten Mal unbeschreibliches Glück. Zum ersten Mal fühlte Johanna, dass sie vollständig war, dass sie ganz war und dass sie hier und jetzt etwas gefunden hatte, was sie wollte und brauchte und was sie konnte.
Das hier würde ihr niemand wegnehmen, würde nicht von jemanden kaputt gemacht werden. Es war das erste Mal, dass sie etwas geschafft hatte, ohne das es ihr jemand kaputt reden konnte oder sie aufgegeben hatte. Und sie hatte sich vieles anhören dürfen.
Sanft strich sie über den kleinen Kopf. Alle Schmerzen, die sie in den letzten Stunden durchgemacht hatte, waren vergessen, denn sie waren nur das Vorspiel zu einem riesigen Wunder gewesen. Das Wunder einer Geburt, ein neues Leben, das unbedingt auf diese Welt wollte und nun leise ächzte in ihren Armen und sie einfach nur ansah. Zum ersten Mal hatte Johanna das Gefühl, sie hätte etwas richtig gemacht, vollkommen richtig und es war perfekt! Das war ein verdammt gutes Gefühl, von dem sie hoffte, es würde noch lange anhalten.

Als Johanna selbst vor 25 Jahren geboren wurde, hatte ihre Mutter wohl so ähnlich gedacht. Letztendlich weiß sie es nicht so genau, erstens war sie da noch ein Baby gewesen und zweitens hatte sie oft genug gehört, warum es sie überhaupt gab. Die junge Frau war das, was man ein Eherettungsversuch nannte. Ihre Existenz war nur darin begründet, dass ihre Mutter versucht hatte damit den Rest Ehe zu retten, den es überhaupt noch gab. Es hatte nicht lange gehalten und manchmal hatte sie das Gefühl, dass ihr genau das vorgehalten wurde. Sicher, es war nicht ihre Schuld gewesen, doch an manchen Tagen sah ihre Mutter sie an, als hätte sie alle üblen Eigenschaften ihres Vaters in sich aufgezogen, nur um sie damit zu quälen.
Johanna selbst versprach sich, dass sie ihrer eigenen kleinen Tochter, ihrer eigenen kleinen neuen Welt genau das nie antun würde. Niemals würde sie ihr das Gefühl geben, nicht perfekt zu sein, nicht gut genug zu sein, nicht richtig zu sein. Und vor allem würde sie ihr niemals das Gefühl geben nicht normal zu sein. Denn sie wusste schon jetzt, dass dieses kleine, perfekte, vollkommen gesunde Wesen einen schweren Stand haben würde, auch wenn sie gleichzeitig darum betete, dass es nicht so sein würde.
Die Tränen, die Johanna in diesem Augenblick hatte, waren daher nicht unbedingt Tränen der Freude, sondern Tränen des inneren Seelenschmerzes, den sie oft empfand. Das Team aus Ärztin, Hebamme und Schwestern deuteten es anders, denn wenn die junge Frau eines war, dann eine perfekte Schauspielerin. Sie konnte verbergen, was in ihr wirklich vorging. Sie sah auf ihr kleines Mädchen und tausend Ängste kamen in ihr hoch. Ängste, die wohl jede Mutter empfand, wenn sie das erste Mal ihr Kind im Arm hatte, wenn es aus ihrer Brust trank und sie dabei nur an die Zukunft dachte und daran, was alles schief gehen konnte oder sogar an sich selbst dabei zweifelte. Zweifel, die über die Jahre hinweg schon in ihr geschürt worden waren. Zweifel, die sie sich selbst auferlegt hatte, nicht fähig ein einziges Mal zu tun was man von ihr wirklich erwartete. Nein. Johanna ging immer zu weit, war immer einen Schritt über den Grad hinaus gewandelt, der da hieß ‚Normal sein‘.
Ihre Augen beobachteten jede Regung des Mädchens, welches sie genauso aufmerksam beobachtete. Sie wussten beide nicht, was sie von einander halten sollten, wie es schien. Es war, als ob die kleine Katharina gerade genausten überlegte, ob das jetzt die Mutter war, die sie unbedingt haben wollte. Als ob sie überlegte, ob sie hier, bei dieser Frau mit den gefärbten roten Haaren, dem viel zu blassen Gesicht und den Augenringen unter den Augen wirklich sicher war. Und Johanna selber konnte ihr diese Antwort gerade nicht geben, denn unter dem prüfenden Blick des Babys, kam die eigene Unzulänglichkeit nur noch deutlicher zu tage. Und kurz fragte sie sich, was sie sich nur dabei gedacht hatte, zu denken, dass sie ein Baby aufziehen könnte. Ein Kind zu einem vernünftigen, perfekten Menschen machen würde. Was hatte sie sich dabei gedacht, eine Mutter zu sein, wenn sie es nicht mal hinbekam, ein Mensch zu sein.
Diese Aussage war vielleicht hart, war vielleicht merkwürdig, aber es waren die Gedanken einer frischgebackenen Mutter, die selbst gerade mal am Rande ihres eigenen Lebens stand, auf einem Bein, wackelig und darauf hoffend, eines Tages fliegen zu können.

„So, jetzt wollen wir den kleinen Wonneproppen mal waschen und wiegen und warm anziehen. Und Sie ruhen sich aus.“ Verwirrt sah sie die Frau an, welche ihr das Kind aus den Armen nahm und dann zu jemanden meinte „Vielleicht wollen Sie dabei helfen? Dann lernen Sie schon mal den Umgang mit Ihrem Kind.“
Johanna beobachtete den Mann, der mit der Schwester mitging und der ihr die ganze Zeit die Hand gehalten hatte, während der Geburt. Und dem sie fast genau diese gebrochen hätte, als die Schmerzen zu groß, der Druck zu mächtig wurde. Für einen Augenblick empfand sie Respekt für diesen Mann, der ihr Freund war. Ja, sogar ihr Verlobter, irgendwie. Er hatte sie in einem Anfall von ‚Wir wollen für immer zusammen bleiben‘, gefragt, ob sie ihn heiraten wollte. Er hatte es sogar richtig gemacht, denn er hatte vorher bei ihrem Vater gefragt, ob dieser zustimmte. Und ihr Vater, glücklich, dass seine Enkeltochter somit legitimiert wurde, stimmte zu. Legitimiert. Als ob sie im Mittelalter lebten und sie daher einen Mann an ihrer Seite unbedingt brauchte. Sicherlich brauchte Johanna Halt, jemanden an ihrer Seite, der sie stützte, der für sie da war. Der sie liebte, und der sie so nahm, wie sie war.
Aber während sie hier auf dem Bett lag und ihn beobachtete, lauschte sie tief in sich hinein. Und während ihr Herz voller Liebe für das zarte Wesen überfloss, war da für den Vater nicht mal annährend das, was da sein sollte. Und dieses Gefühl machte ihr Angst. Große Angst. Sie dachte nicht erst seit heute darüber nach wie unfähig sie sich fühlte, ihm die Liebe entgegen zu bringen, die sie von ihm scheinbar bekam. Sie wusste nicht mal im Ansatz, ob sie wirklich liebte. Hatte sie jemals geliebt?
Wusste sie überhaupt, was Liebe war? Sie hatte zwar immer gesehen, wie ihr Vater und ihre Mutter einander liebten, wie viel Liebe zwischen dem Ehepaar war. Aber bei ihr? Nein! Sie hatte immer gedacht, dass sie geliebt werden würde. Sie hatte es immer gedacht und gehofft. Aber immer wenn sie darüber nachdachte, hatte sie früher oder später die Brücken hinter sich abgebrochen und auch in diesem Fall hatte sie das Gefühl, dass diese Brücke brechen würde. Und diesen Mann wollte sie heiraten? Glaubte sie wirklich, damit glücklich zu werden? Für ihr Baby? Ja. Ja, für ihr Baby würde sie es wirklich versuchen, denn sie wollte ihrem Mädchen eine glückliche Liebe präsentieren.
Die Ärztin riss sie aus ihren Gedanken, denn sie musste genäht werden, noch einmal untersucht und am Ende wurde sie gefragt, ob sie noch irgendwas brauchte. Ihre einzige Antwort in diesem Fall war „Essen! Frühstück!“ und das mit allem Nachdruck, den sie aufbringen konnte. Gut, das war nun nicht die Antwort, mit der die andere Frau gerechnet hatte, hatte sie doch eher erwartet, dass nun etwas kommen würde wie ‚Schmerzmittel‘ oder irgendwie sowas. Doch das Glück im Herzen von Johanna reichte völlig aus, all die Schmerzen, die sie empfand zu vertreiben. Sie war so voller Glückshormone, so voller Freude, dass kein Schmerz dagegen anstinken konnte, wenn man so wollte.
Es dauerte noch eine viertel Stunde, bis sie aufs Zimmer kam. Eine weitere, bis sie ihr Baby wieder sah. In der Zwischenzeit hatte sie selber gefrühstückt, diesen ekeligen Stiltee runtergewürgt und sich nach einem guten Kaffee gesehnt. Gleichzeitig hatte sie ständig zur Tür gesehen, voller Angst, wo ihr Baby geblieben war. Warum man es nicht zu ihr brachte und wie der Vater des Kindes es wagen konnte, ihr Katharina so lange vorzuenthalten.
Es war so etwas wie Hass, was in diesem Moment in ihr hochkochte. Hass auf diesen Mann, der es wagte ihr ihren persönlichen Schatz weg zu nehmen, zu behalten und dazu kam Panik. Panik, dass man erkannte hatte, wie unvollkommen sie sein würde als Mutter, wie grauenvoll, wie unnormal. Tausend Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf. Gedanken, die alle nur auf eines hinaus liefen. Man hatte ihr das Kind weggenommen, um es vor ihr zu retten.
Doch dann endlich öffnete sich die Tür und ein strahlender Kristof schob mit einem in einer Decke eingewickelten friedlich schlafenden Baby in das Zimmer. Die Wiege, in der es lag, war durchsichtig, aus Plastik und darüber war sogar ein kleiner Himmel angebracht. Er stellte Katharina ab und wollte sich zu seiner Freundin setzen. Doch Johanna kommentierte das nur mit einem „Zu weit weg!“ Kurz sah er nachdenklich aufs Bettchen, ehe er dieses dichter an das Bett der frischgebackenen Mutter schob und diese sofort zufriedener drein sah. Zwar konnte er sich nun nicht richtig zu ihr setzen, sondern nur ans Fußende, aber letztendlich war es doch besser eine glückliche Johanna zu haben, als eine gereizte.

„Bekommen wir das wirklich alles hin?“ Sie sah zu Kristof und musterte ihn nachdenklich wie er da saß. Für einen Moment schämte sie sich, dass sie ihrer Tochter keinen besseren Vater bieten konnte. Vor allem nicht eine bessere Gesichte über die Zeugung. Gut, kein Kind wollte gerne hören wo und wann es gezeugt wurde, aber in diesem Fall war da keine Liebe, keine heißen Schwüre von immerwährender Treue und ewigem Glück im Spiel gewesen.
Kristof und Johanna hatten sich ein Jahr vor Katharinas Geburt kennengelernt. Sie hatten sich nicht ineinander verliebt. Absolut nicht. Er war liiert mit so einer dauerheißen Tante, die ihn eigentlich nur verarschte und Johanna suchte die Liebe und bekam sie von vielen Männern gereicht. Sie war kein Flittchen, auch wenn das sicherlich viele behaupten würden. Aber sie war jemand, der einfach nur… geliebt werden wollte und daher vieles tat, damit der aktuelle Partner auch wirklich ihr diese Liebe schenkte.
Nach diesem Kennenlernen schrieben sie viel miteinander über ICQ. Überhaupt war der Computer, das Leben im Internet, das Chatten und wegdriften in andere Welten ein Hauptbestandteil von Johanna. Sie brauchte genau das, um vor ihrem tristen Alltag zu entfliehen, um sich klarer und besser zu fühlen. Sie wusste nicht mal genau warum, aber sie fuhr noch am selben Abend oder besser gesagt in derselben Nacht zu ihm. Eigentlich… nein, nicht mal eigentlich. Ganz bestimmt nur, um Sex zu haben. Das war alles, was sie von Kristof wollte. Puren Sex. Sie wollte Lust und Leidenschaft und letztendlich war das hier ein geplanter, verabredeter One Night Stand, wie man in Neudeutsch so schön sagt.
Es war irritierend, denn Kristof wohnte noch bei seiner Mutter, was sie hemmte. Doch am Ende landeten die zwei im Bett und der Sex war in diesem Augenblick genau das, was sie brauchte. Und er war genauso wie sie ihn brauchte. Er war pur, er war perfekt, er war richtig!
Ende jeder Diskussion. Auch Frauen brauchen schließlich manchmal nur Sex, das war nun nichts, was nur den Männern vorbehalten war.
An den Rest der Nacht erinnerte sie sich ehrlich gesagt nicht mehr. Sie war am nächsten Tag wieder auf der Arbeit, die sie zu dem Zeitpunkt eher nicht glücklich machte und war letztendlich wieder ganz sie selbst. Nur etwas… fröhlicher als sonst.
Kristof und sie trafen sich wieder, mehr als einmal und es ging einfach nur um Sex. Ihr ging es nicht einmal darum, dass es vielleicht eine Beziehung war. Nein! Sie sah das ganze eher als eine lockere Affäre. Bis zu dem Zeitpunkt, da ihr bewusst wurde, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmte. Absolut nicht stimmte! Ihr wurde morgens schlecht, ihr Kreislauf versagte öfters und eines Morgens wachte sie auf mit der absoluten Gewissheit. Aus dem Spaß war ernst geworden!
Sie war schwanger! Und sie wusste auch ganz genau, wann es passiert war. Nämlich schon beim zweiten Mal. Zwar hatte Johanna die Pille genommen, aber sie hatte zu dem Zeitpunkt auch eine ziemlich gemeine Erkältung. Und genau an diesen besagten Morgen erinnerte sie sich sehr genau daran, dass sie zu der Pille auch noch Antibiotika genommen hatte. So etwas verdammt dämliches! Jeder wusste doch, dass die Pille bei solchen Dingen durchaus nicht mehr wirksam sein konnte.
Noch am gleichen Tag holte sie sich die Gewissheit vom Arzt und als sie diesen verließ, hatte sie in ihrer Handtasche den Mutterpass und eine verdammt große Packung Angst vor der Zukunft.

„Warum sollen wir das nicht hinbekommen? Wir haben die letzten Monate doch auch geschafft. Der Umbau ist fast fertig. Das kriegen wir alles hin, glaub mir.“ Kristof streichelte ihr über das Bein, riss Johanna damit an die Erinnerung und sie sah ihn sehr nachdenklich an. Tief atmete sie ein, strich sich kurz durchs Haar und nickte, ehe sie wieder zu dem Baby sah. „Ich hab dennoch Sorge. Hast Du unsere Familien schon erreicht?“
Er nickte und gähnte dann sehr leicht. Kurz musterte sie ihn wieder, nur um dann zu lächeln „Fahr nach Hause… Wir kommen klar. Ich werde auch etwas schlafen und außerdem musst Du doch zur Arbeit.“
Kristof lächelte zurück und gab ihr einen Kuss. Diesen erwiderte sie, wenn auch eher halbherzig, was beide aber auf die anstrengende Geburt schoben. Dann ging er, und Johanna atmete erleichtert aus. Wieder ging ihr Blick zu ihrem Baby, ehe sie nach ihrem Handy griff und ihrer besten Freundin schrieb, dass sie nun Patentante war. Denn das war für sie wichtig. Sie war mit ihr durch Höhen und Tiefen gegangen. Nun sollte sie auch mit ihr durch Phasen des Glücks gehen.
Immer wieder sah sie nach ihrer Katharina. Nach ihrem persönlichen Glück dabei und war so sprachlos. Fassungslos und konnte es wirklich nicht glauben. Sie hatte etwas richtig gemacht. So richtig, richtig. Darüber, über dieses unsagbare Glück schlief die junge Frau glücklich und selig ein, denn eines war doch letztendlich Fakt. Eine Geburt war sehr anstrengend und sie hatte viel Energie von Johanna gefordert.
Und irgendwo hatte sie mal gelesen, wenn das Kind schlief, schlief auch die Mutter. Und so wurde es auch. Wenn Katharina schlief, ruhte sich auch Johanna aus und schöpfte neue Kraft. Wann immer sie in die Augen ihrer Tochter sah, fühlte sie sich stark genug für das ganze Leben, für alles. Sogar für das Zuhause, an dem Kristof werkelte und zusah, dass es perfekt wurde. Für Katharina, Johanna, sich… und seine Mutter.
Die Tage im Krankenhaus vergingen viel zu schnell. Viel zu viel zu schnell und sie musste wieder nach Hause. Sie hatte die Aufmerksamkeit und Ruhe genossen, die Tatsache, dass ihr Baby nur ihr gehört hatte und dem Besuch, der sich immer wieder mal einstellte. Und sie genoss diesen Besuch unsagbar. Auch wenn sie sich innerlich nicht gut genug fühlte dafür und oftmals sogar eifersüchtig oder misstrauisch war. Vor allem wenn sich Kristof dem gemeinsamen Kind nährte, war in ihrem Herzen eine innere Wut, von der sie nicht wusste, woher sie kam.

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