Der Weg ist das Ziel

Pietzmoor
Bei einer Reise geht es am Ende gar nicht um das Ankommen. Es geht um die Reise selbst und wie sie einen verändern kann. Diese Gedanken kamen mir in den Sinn, als ich alte Bilder ansah und über dieses hier stolperte. Aufgenommen von mir im Oktober 2015

Im Januar letzten Jahres hat meine Reise begonnen, die zu einem Abenteuer wurde und mich am Ende sogar herausforderte. Es war eine Reise, in der ich sehr viel über mich begann zu lernen und vor allem mich selbst besser zu verstehen, meine Grenzen neu auszuloten und zu begreifen, dass nichts immer ist, wie es scheint, vor allem nicht, wenn es um einen selbst geht. Klingt kryptisch, oder?

Alles begann mit der entsetzten Feststellung: Ich muss schlanker werden, ich bin zu dick! Darüber und über die Erkenntnis habe ich hier bereits geschrieben: Die persönliche Erkenntnis

Ich wog über 90 Kilo, fast 100 sogar und fühlte mich eigentlich gar nicht mehr wohl in meiner Haut. Also begann ich mit Intervallfasten und war begeistert, da ich wirklich Gewicht verlor. Das System funktionierte und ließ sich gut in meinen Arbeitsalltag intrigieren, ohne dass ich große Probleme hatte. Ich war diszipliniert, war bereit durch zu halten und zog es auch durch. In der Zeit von 09:00 Uhr – 17:00 Uhr nahm ich meine Nahrung zu mir, verzichtete auf zu viel Zucker und achtete extrem darauf, was ich mir da zuführte. In der restlichen Zeit trank ich viel Tee und Wasser oder gar schwarzen Kaffee und verzichtete auf Essen. Es lief super und nach drei Monaten konnte ich tatsächlich sagen… ich erreichte die 85 Kilo voller Stolz. Klar. Wer wäre das nicht. Doch dann kam dann kam das, was immer irgendwann kommt: Man gewöhnt sich dran und damit war es vorbei, mit dem regelmässigen Kochen, mit dem ständigen drauf achten, was man aß. Und mehr noch, ich bemerkte, dass ich trotz dieser Essenszeiten wieder begann zuzunehmen und meinen Elan zu verlieren. Meine Begeisterung für das Abnehmen, für den Erfolg und ja: Ich führte immer wieder sogenannte Cheat-Days ein. Ich veralberte mich somit selber.

Im Sommerurlaub trug ich zwar wieder Bikini, aber der Bikini saß eng und knapp und ich war nicht wirklich glücklich, aber hatte auch nicht den Mut, irgendwas dagegen zu unternehmen. Fakt! – Es war wie immer, wenn man so wollte. Dazu kamen viele private Kleinigkeiten, über die man sich nicht aufregen sollte und doch aufregte. Menschen, die es mir nicht unbedingt leichter machten und gleichzeitig auch mich sogar verletzten, zumindest innerlich. Ich brauchte am Ende länger als gedacht, um mich von diesen Eskapaden wirklich zu erholen und habe bis jetzt noch damit zu kämpfen, denn es ging viel Grundvertrauen in die Menschheit verloren. Aber man lernt auch aus Fehlern, nicht wahr.

Der Sommer ging vorbei und es wurde Herbst. Mitte September hatte ich das erste Mal einen komischen stechenden, halb drückenden direkt unter dem Brustkorb. Ich konnte weder stehen noch sitzen und war generell angespannt. Also ging ich zum Arzt.
Nach einigen Untersuchungen kam raus: Gastritis
Ich wurde für eine Woche aus all raus genommen, musste Tabletten nehmen und dann ging es auch wieder.

Anfang Oktober hatte ich eine Woche Urlaub, welche echt erholsam war, bis zu dem Moment, da die Schmerzen wieder begannen. Dieses Mal jedoch strahlten sie in meine rechte Seite rein und ich hatte auf Taillenhöhe das Gefühl, als wäre da etwas Störendes. Die ganze Nacht kämpfte ich mit Übelkeit, Kreislauf und den Schmerzen, ehe ich bei meiner Mutter anrief und sie bat, zu kommen. Nach einer halben Stunde entschloss sie, den Krankenwagen zu rufen, da sie sich ziemliche Sorgen machte. Wir beide gingen jedoch davon aus, dass erneut die Gastritis ihren Auftritt hatte und ich mich zu schnell, zu viel zugemutet hatte. Es war ziemlich früh am Morgen, irgendwas bei sechs Uhr. Der Krankenwagen kam und ich wurde vor Ort untersucht, ehe es hieß, dass ich in den Krankenwagen müsste und ins Krankenhaus gebracht würde. Letztendlich war die Fahrt ins Krankenhaus eine ruhige Angelegenheit. Der Notarzt hatte mir vorher Schmerzmittel gegeben und somit konnte ich es aushalten, dass wir über die Autobahn nach Walsrode fuhren. Von mir zu Hause ein ganzes Eck. Während der Fahrt kam mir kurz in den Sinn, dass es eigentlich viel zu lang ist, wenn man wirklich ein Notfall wäre und was man sich dabei gedacht hatte, die Notaufnahme für solche Fälle nur noch an einen Standort scheinbar zu legen. Viel zu weit weg für den Nordteil des Kreises. Der Sanitäter lenkte mich jedoch gut ab und somit kam ich in Walsrode an, immer noch im festen Glauben, dass ich gleich wieder nach Hause könnte, dass ich abgeholt werden könnte.

Die Notaufnahme von Walsrode war… ein Erlebnis für sich. Ehrlich. Und noch ehrlicher: Ich möchte dort nicht so schnell wieder hin! Nicht um diese Uhrzeit. Die Schwestern waren zwar alle sehr höflich, aber gleichzeitig… unmöglich. Zwischen ihnen und den Arzt schien es nicht zu funktionieren. Er kam rein, begrüßte mich kaum, während ich auf der Liege lag und setzte sich an den Computer. Die Schwestern bereiteten alles vor, versuchten mir einen Zugang zu legen und als das nicht klappte… verschwanden sie? Ich war plötzlich mit dem Arzt alleine, welcher den Kopf schüttelte, als er feststellte, dass mir noch kein Zugang gelegt worden war und machte es dann selbst. Jedoch war er nicht sonderlich gesprächig. Beim Ultraschall meines Bauches erzählte er mir, dass ich Gallensteine hätte, was mir in dem Moment nicht weiter half. Er ließ sich meine Krankengeschichte erzählen, nickte ab und an und meinte dann, dass ich vielleicht auch eine Gastrits habe, das müsste man abklären. Aber ich hätte auch Gallensteine. Ich fragte nach, ob ich dann nach Hause könnte und er meinte, das wäre durchaus möglich.

Es war natürlich eine pure Erleichterung bei mir. Verständlich, oder? Dann ging er, weil er Übergabe habe, aber es würde gleich jemand kommen. Nun lag ich alleine auf der Untersuchungsliege in einem Krankenhaus, das ich nicht kannte und immer wieder überkam mich eine Übelkeit. Gleichzeitig war ich müde, da ich kaum geschlafen hatte, und die Schmerzen fingen wieder an. Ich hatte keinen Klingelknopf, wusste nicht, ob ich aufstehen durfte, mich bewegen durfte und fühlte mich absolut hilflos. Zwischendurch schrieb ich mit meiner Mutter, einfach um Wenigstens etwas das Gefühl zu haben, nicht vollkommen alleine in diesem Augenblick zu sein. Dann kam eine Schwester, die mich überrascht ansah und fragte, wo der Arzt sei und ob alles okay sei. Ich klärte sie auf und sie versprach, sich darum zu kümmern, dass ich entweder noch einmal was gegen die Schmerzen bekam oder aber dass bald ein Arzt kommen würde. Gleichzeitig fragte sie auch, ob ich hier bleiben würde, was ich nicht mal beantworten konnte, da der Arzt mir ja das gesagt nicht gesagt hatte.

Endlich ging die Tür auf und eine Ärztin kam rein. Chirurgin, soweit sie sich vorstellte und am Liebsten hätte ich meine Sachen genommen und wäre bei so viel Arroganz gegangen. Sie fragte, was ich gegessen hatte am Vorabend, ging gar nicht darauf ein, was ihr Vorgänger bei der Untersuchung festgestellt hatte, sondern beschloss sofort, dass das halt am fettigen Essen lag und dass ich ja dann nach Hause könnte, das wäre nur ein erneuter Ausbruch meiner Gastritis. Ich war verwirrt und mittlerweile wütend. Und als wäre das nicht genug, tauchte nach deren Auftreten ein dritter Arzt auf, der sich alle Untersuchungsergebnisse ansah und mich auf die Chirugie einwies, mit den Worten: „Sie haben Gallensteine! Sie können jetzt nicht nach Hause.“ Ich war vor den Kopf gestoßen und zwar richtig. Also ging es für mich nach oben, wobei ich zumindest meiner Mutter endlich sagen konnte, was los war und dass ich was zum Anziehen brauchte.

Eines kann ich über die Chirurgie sagen: Alle Schwestern sind mehr als nett, mehr als freundlich und vor allem hilfsbereit. Sie kümmern sich sehr um ihre Patienten, sofern sie können und es in ihrer Macht steht und sie versuchen alles, damit der Patient nicht zu sehr leidet. Das habe ich von Anfang an zu spüren bekommen.

Ich bekam sofort dort oben ein Bett, einen Tropf und eine kleine Einweisung, sowie… nichts zu essen. Ich durfte nichts essen, da am nächsten Tag in meinen Magen geschaut werden sollte, aber der Tropf half. Im Laufe des Vormittages kam die Visite und siehe da, auch wieder die Chirurgin von der Notaufnahme.

Als es um mich ging und ich gefragt wurde, wie es mir ging, fiel diese Frau mir sofort mit einer Überheblichkeit ins Wort, dass es ja nur eine Gastritis sei, da ich am Vorabend Rouladen gegessen habe. Und dieses Lächeln dazu… ich hätte sie wirklich schlagen können. Objektivität war hier nicht mehr drin. Die hatte ihre Meinung und hatte sich festgebissen. Dumm nur, dass sie scheinbar immer noch nicht in die Krankenakte gesehen hatte, denn ihr Kollege korrigierte sie sehr bestimmt damit, dass ich Gallensteine hätte und daher meine Schmerzen kommen würden, auch wenn man die alte Gastritis nicht aus den Augen lassen wollte. Ich genoss in diesem Augenblick die Irritation in ihrem Gesicht und wie das überhebliche Lächeln verschwand.

– Ha! Hätte sie sich doch einfach mal genauer informiert! Man legte mir im Endeffekt ans Herz, dass ich mir die Galle entfernen ließe und ich stimmte zu, hauptsache keine Schmerzen mehr. Verständlich, oder?

Ich bekam regelmässig nun Kochsalzlösung, zu trinken und durfte nichts essen, aufgrund der anstehenden Untersuchungen. Meine Eltern brachten mir meine Sachen und somit war ich schon etwas besser drauf, nicht mehr ganz so wütend und traurig zugleich.

Am 08.10.2019 musste ich zum Ultraschall und auch mein Magen wurde untersucht, dafür wurde ich einmal kurz schlafen gelegt. Man fand heraus, dass meine Gastrits schon längst am Abklingen war – Zum Glück! – jedoch wirklich meine Galle voller Steine war und diese auch noch entzündet. Also stand das Ende meiner Galle voll und ganz fest. Sie hatte zu verschwinden.

Am 09.10.2019 wurde ich also operiert und ehrlich? So viel gelacht habe ich noch nie vor einer OP. Das OP-Team war klasse! Angefangen bei der Schwester, die mich dort hinbrachte, über die komplette Anästhesie. Sie heiterten mich auf, brachten mich zum Lachen, schwirrten um mich rum und sorgten sogar dafür, dass ich nicht fror, während ich warten musste, dass ich dran kam. Es war wirklich ein tolles Einschlafen und auch ein tolles Aufwachen, denn selbst im Aufwachraum war es nett. Ich kam sofort nach dem Aufwachraum in mein Zimmer zurück und es ging mir gut. Keine Schmerzen mehr, keine Übelkeit, ich war wirklich erleichtert und weil alles so gut verheilte und alles so gut wurde, durfte ich am Freitag sogar nach Hause. Angenehmer Gedanke, oder? Nach Hause. Das hatte was von: Wegen guter Führung vorzeitig entlassen.

Ich war unendlich dankbar, als mein Vater mich abholte und ich zu Hause mich um alles selbst kümmern konnte. Zumindest bis zur Nacht. Als ich mich hinlegen wollte, bekam ich eine Panikattacke, denn ich erinnerte mich an die Schmerzen, die ich eine Woche vorher hatte und konnte daher erst Schlafen, als ich eine Schmerztablette vom Krankenhaus nahm, die ich mitgenommen hatte. Mitgenommen, wohlgemerkt. Ich hatte diese nicht von der Krankenschwester offiziell bekommen, sondern auf ein ‚Nehmen Sie die ruhig mit, man weiß ja nie.‘

Letztendlich verlor sich die Angst dadurch und ich konnte schlafen, wenn auch mit hochgestelltem Kopfteil, weil ich mich flachliegend unwohl fühlte. Eigentlich nicht typisch für mich. Den Tag über fühlte ich mich irgendwie schlapp, schob es aber darauf, dass ich ja operiert worden war und dass es sicherlich die Nachwehen war. Dennoch konnte ich mich im Laufe des Tages immer schlechter vorwärts bewegen und brauchte mehr Zeit. Am nächsten Morgen war mir einfach nur noch schlecht und ich wollte nicht mal frühstücken und gegen Mittag, nachdem mein Vater kurz da gewesen war, legte ich mich wieder ins Bett, da ich immer stärkere Schmerzen bekam und es nicht aushielt. Meine Mutter tauchte auf, auf Bestreben meines Vaters und gab mir zwei Paracetamol 500mg, in der Hoffnung, es würde besser werden, doch es wurde nicht besser, eher schlimmer. Ich hatte das Gefühl, mein ganzer Rücken würde schmerzen und das Atmen fiel schwer.

Wieder rief sie den Krankenwagen und als der Fahrer mich sah, war seine erste Reaktion „Och nein, nicht schon wieder…“, ehe er es war, der sofort nachsah, was mit meinem Bauch war und der beschloss: Krankenhaus. Sofort.

Also ging es für mich zum zweiten Mal innerhalb von 7 Tagen nach Walsrode. Irgendwie schreckend, oder? Und dieses Mal war die Fahrt die Hölle! Nicht nur, dass der Krankenwagen nicht ganz so gut gefedert war, durch die Schmerzen spürte ich jede noch so kleine Unebenheit und da ich Schmerzmittel genommen hatte, konnte mir die Sanis nicht noch was geben, da sie das Bild nicht ganz verfälschen wollten. Ich hielt es kaum aus, Atmung und Schmerzen waren gleichermaßen einfach nur noch großer Mist.

Kaum waren wir in Walsrode kam auch Übelkeit wieder dazu und natürlich Angst. Was war mit mir los?

Ich kam sofort in die Notaufnahme und nach zehn Minuten war da ein sehr vertrautes Gesicht. Die Ärztin, die die Enduntersuchung am Freitag vorher gemacht hatte. Sie sah sofort nach, was mit mir los war, holte mich in den Untersuchungsraum und stellte fest, dass mein Gallengang erweitert war. Sie sah die Unterlagen durch, kontrollierte erneut und rief auch einen Kollegen dazu. Eindeutig, der Gallengang war erweitert und sie fanden einen Stein, der scheinbar bei der OP abgegangen war. Ich musste bleiben.

Auf der Chirurgie waren die Schwestern überrascht, begrüßten mich aber dennoch sehr liebevoll und freundlich, ehe ich in ein Zimmer kam. Ich konnte kaum liegen, kaum sitzen, kaum stehen. Nichts hielt ich aus, die Schmerzen fraßen mich innerlich fast auf und das Standartschmerzmittel half nicht. Also musste die harte Dosis ran und kaum bekam ich die, konnte ich schlafen. Meine Mutter brachte mir erneut meine Sachen und ich wieder einmal nichts zu essen, wobei ich auch keinen Hunger hatte, da mir ständig schlecht war.

Am nächsten Tag sollte per Magenspiegelung nachgesehen werden, wo genau der Stein saß. Zu der Untersuchung kam es zwar, aber sie musste abgebrochen werden, weil ich mich übergeben habe. Ich verstand nicht wirklich warum und wieso, denn ich hatte ja Sonntag Morgen das letzte Mal ein halbes Brötchen nur mit Butter gegessen. Sonst gar nichts. Das war zu dem Zeitpunkt 24 Stunden her.

Die Schwester fragte mich, ob ich am Abend vorher etwas gegessen hätte und ich war verwirrt, denn schließlich war ich da schon im Krankenhaus gegwesen und woher hätte ich also was zu Essen bekommen sollen? Sie diskutierte deswegen sogar mit dem Arzt und es stellte sich am Ende heraus: Mein Magen hatte bereits am Freitag Abend die Verdauung eingestellt.

Wie es sich herausstellte? Ich musste mich übergeben, ohne dass ich das Gefühl eines Brechreiz hatte. Es war eines der ekeligsten und unangenehmsten Dinge überhaupt. Und innerlich wollte ich in diesem Augenblick gerne sterben. Es war grauenvoll. Kaum bekam ich aber das Gefühl der Übelkeit und der Brechreiz stellte sich ein, bekam ich sofort etwas von der Schwester dagegen und konnte dann, dank neuem Schmerzmittel wieder schlafen. Den Montag verbrachte ich somit eigentlich nur schlafend oder im Schmerz, wann immer das Mittel nachließ.

Am Dienstag ging es dann erneut runter, erneut zur Spiegelung und ich musste dem Arzt auch hier erklären, dass ich nichts, aber auch wirklich nichts vor der OP gegessen hatte. Dann wurde ich wieder schlafen gelegt und die Untersuchung gemacht, dieses Mal erfolgreich, wenn man so wollte. Ich wachte im Aufwachraum auf und fragte sofort, ob es schon fertig sei und ob ich dann auch gleich den Stein rausbekommen würde. Die Antwort der Schwester war rüde und unhöflich. Ja, die Untersuchung sei durch, aber ob sie noch zum zweiten Eingriff Zeit hätten, bezweifelte sie, denn sie wären ausgebucht, das würde erst morgen passieren.

Morgen? Ich wurde aufs Zimmer zurück gebracht und konnte nicht aufhören zu weinen. In diesem Moment kam alles hoch. Die Schmerzen, die Angst, die Einsamkeit, die Wut. Die Schwester oben auf der Chirurgie fragte nach, was geschehen sei und setzte sich sofort für mich ein, denn sie konnte nicht verstehen, wie man so etwas zu mir sagen konnte, zumal ich doch solche Schmerzen hatte und litt.

Gerade als sie mich an den Tropf legen wollte, kam plötzlich eine vom innerhäusigen Transportdienst und war recht hektisch. Ich musste sofort wieder runter. Dringend. Eine viertel Stunde war ich oben auf der Chirurgie gewesen, als mich auch schon wieder unten befand und auf dem ‚OP-Tisch‘ lag. Es ging alles wirklich schnell. Ich wurde wieder schlafen gelegt und mir wurde der Stein entfernt.

Als ich das erste Mal zu mir kam, ging mein Blick zum EKG. Mein Herz schlug, aber sehr langsam. Mein Puls fiel von 42 auf 42 und ich schloss wieder die Augen, weil es besser so war. Irgendwann jedoch stutzte ich im Schlaf. 41? 41 ist viel zu niedrig für einen Puls und ich begann konzentriert und fokussiert meine Lungen mit Luft zu füllen. Immer wieder einatmen ausatmen einatmen ausatmen. Es wurde zum Mantra, während ich immer mehr spürte, wie die gefühlte Decke in meinem Kopf sich hob und mein Körper sich wieder hochkämpfte. Ich kämpfte, denn das sollte jetzt nicht mein Abgang sein.

Es dauerte, bis sich mein Körper endlich wieder von mir bewegen und steuern ließ und ich in der Lage war, mich zu artikulieren. Und dann durfte ich auch endlich nach oben zurück.

Am nächsten Tag musste ich auf die Innere runter und meine Laune sank. Man muss es sich so vorstellen: Die Chirugie liegt im zweiten Stock. Es ist immer hell dort, sonnig und man kann den Himmel sehen, es war so angenehm dort.

Die Innere jedoch liegt im Erdgeschoss, direkt neben der Psychiatrie. Sie ist dunkel, riecht nach Urin und alten Menschen und man sieht höchstens Beine, die am Fenster vorbei eilen. Für jemanden wie mich, der eh schon sich am Boden fühlte durch das Erlebte, war es grauenvoll. Dazu kam, dass ich am Mittwoch auf der Chirurgie das letzte Mal eine Visite erlebte. Auf der Inneren? Nichts davon. Die Schwestern wirkten teilweise überfordert, was kein Wunder war. Sie taten mir unendlich leid, bei der ganzen Arbeit, die sie hatten. Die Anweisungen bezüglich meiner Weiterbehandlung waren unvollständig und der einzige, der mir wirklich Infos gab, soforn er sie hatte, war der Assistenzarzt, der mir regelmässig Blut abnahm und mir erklärte, warum ich nicht nach Hause durfte. Die Galle war raus, der Gallenstein auch, jetzt zickte die Bauchspeicheldrüse.

Mir war nur noch zum Heulen und elend. Ich wollte nach Hause, dabei waren es eigentlich nicht mal zwei Tage auf dieser Abteilung, denn am Freitag durfte ich dann tatsächlich nach Hause, auch wenn die Werte immer noch nicht gut waren. Dennoch zog mich die Innere psychisch runter.

Bei der Entlassung wurde mir strikte Gallen-Leber-Diät aufgedrückt, und Dinge wie z.B. Schokolade verboten, da sie Gift sind. Im Endeffekt ist es für mich kein großer Verlust, denn ich habe ja das beste Geschenk dafür erhalten – mein Leben und wieder unbeschwert und frei.

Seit Ende Oktober 2019 lebe ich also nun nach der Diät, verzichte viel auf Zucker, auf Süßigkeiten und muss andere Lösungen finden, für Dinge, die ich gerne mag. Und es fällt mir erstaunlich leicht. Während andere im Eiscafe ihr Eis genießen, sitze ich nun mal daneben und trinke einfach meinen Milchkaffee. Ich vermisse das Eis nicht, denn wenn ich darauf hunger habe, nehme ich Naturjoghurt und mische ihn mit gefrorenen Früchten. Es ist kein Beinbruch. Wirklich nicht.

Auch das Essen zubereiten nicht. Wie oft höre ich, dass es doch so schwer sei, zu verzichten und irgendwer das nicht könnte. Bullshit! Jeder kann verzichten, wenn er wirklich will. Und es ist kein Verzicht im Endeffekt, sondern ein absoluter Neuanfang. Eine neue Abzweigung auf dem Weg zum Ziel.

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