Schnuckenmoment

Zwischen Heide und Moor

Der Heide-Clan

Das Feuer knackte und knisterte leise. Hier und da war ein Zischen zu hören, welches ihr unter die Haut ging, denn sie wusste, was es bedeutete. Neben dem Geruch von verbranntem Holz, lag auch noch der Duft von verschiedenen Kräutern in der Luft, stieg mit dem Rauch hinauf zu Himmel, um sich dort zu verflüchtigen. Oder sich mit den Ahnen zu vereinen, wie ihre Mutter immer betonte. Die Kräuter sollten zur Besänftigung der Ahnen dienen, doch das war gelogen. Die Kräuter wurden nur verbrannt, damit niemand das brennende Fleisch der Toten wahrnahm und sich vor diesem viel zu alten Ritual ekelte, oder die alten Traditionen in Frage stellte.

Innerlich verdrehte sie über ihre eigene Einstellung die Augen, während sie gleichzeitig beobachten konnte, wie hier und da die Köpfe der Anwesenden etwas tiefer sackten, teilweise die Schultern zuckten, von ungeweinten und geweinten Tränen. Dazu machte sich eine unangenehme Stille breit, die auch ihr Innerstes ergriff. Die Stille von tiefer Trauer, Schmerzes und einer absoluten Hoffnungslosigkeit. Denn die Zukunft jener, die hier standen war von heute an ungewiss und niemand wusste, wie es weiter gehen würde. Sie am allerwenigstens.

Neben sich vernahm sie kurz eine kleine Bewegung, was sie dazu veranlasste, den Kopf minimal zur Seite zu drehen. Ihre Großmutter war etwas näher zu ihr getreten, als habe sie Sorge, dass etwas geschehen könnte und wollte sich bereit zur Flucht machen oder um sie zu schützen. Gleichzeitig fiel ihr auf, wie groß der Abstand zu den anderen Mitgliedern des Clans war, doch sie machte sich darüber keinen Kopf, denn es war schon immer so gewesen. Seit ihre Eltern gestorben waren, vor 15 Jahren, waren ihre Großmutter und sie im Clan eher geduldet. Vielleicht lag es auch an den Umständen des Todes. Niemand konnte etwas darüber sagen, hatte ihr je davon erzählt. Der Tod ihrer Eltern war für sie selbst nie aufgeklärt worden und ihre Großmutter hatte ihr nie etwas darüber erzählt. So war sie immer nur die Waise, die bei ihrer Großmutter aufwuchs und deren Eltern ein Mysterium, mit dem sie als kleinen Kind oft geärgert wurde.

Es war nicht so, dass ihre Großmutter nicht im Clan angesehen war. Im Gegenteil, jeder kam zu ihr, jeder suchte ihren Rat. Sie war die Weise des Clans, sie war die Frau mit dem zweiten Gesicht, sie war die Frau, die immer eine Lösung fand, die richtigen Kräuter hatte. Und sie war die Frau, die ihre Enkeltochter mit 12 Jahren aus dem Clan fortgeschickt hatte an ein Internat, so dass sie fern des Clans aufwuchs. Mittlerweile studierte Alva an der Universität, um eines Tages Ärztin zu werden, doch auch das fern des Clans. Vielleicht war das ein Grund, warum ihre Großmutter so besorgt war, denn mit 24 Jahren war Alva jetzt in dem Alter, in dem sich die Sjelvebindung einstellte und sie somit für immer an einen Mann gefesselt war, ohne wirklich frei zu sein. In den Augen ihrer Großmutter war genau das das Problem, warum ihre Mutter nicht mehr war.

Manchmal überlegte Alva, ob ihre Großmutter vielleicht eine so starke, lieblose Beziehung zu ihrem Sjelve hatte, dass sie über diese Bindung so schlecht dachte. Gleichzeitig, wollte sie ihr Leben außerhalb des Clans wirklich aufgeben? Wollte sie wirklich sich binden lassen und ihre Freiheit hinwerfen?
Nein, nein, definitiv nicht.

Kurz schob sie ihre Hand unter den traditionellen schwarzen Schleier und strich sich über die Stirn, fühlte sich selbst unruhig und angespannt. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so lange in der Nähe des kompletten Clans aufgehalten.

Doch vielleicht kam auch die unterdrückte Unruhe und Anspannung vom Mittelpunkt des Geschehens, von all den anderen Clanmitgliedern, die hier trauerten.

Für einen Moment ließ sie den Blick auf die Mitte des Platzes gleiten, etwas, was sie seit Beginn der Trauerzeremonie vermieden hatte. Zum ersten Mal sah sie bewusst die schemenhaften Umrisse der Verstorbenen mitten im Feuer und spürte eine innere Angst. Nicht nur wegen des Feuers, nein, auch weil dort die Oberhäupter des Clans lagen und in diesem Augenblick der Clan ohne Führung war, auch wenn Beide erwachsene Kinder hinterließen, künftige Führer. Aber der älteste Sohn war ohne Partnerin und die Tochter hatte nie sich wirklich bewiesen.

Ihr Blick fiel auf die Schatten hinter dem Feuer, den Familienangehörigen und dem engsten Kreis des Clans. Sie betrachtete den vielleicht künftigen Anführer, wie er dort stand, den Blick stur auf die Flammen gerichtet, groß, trotz rotblonder Haare sehr dunkel wirkend, absolute Selbstsicherheit ausstrahlend. Er war das Urbild für diesen Clan und sie wusste, dass etliche Frauen sich die Finger nach ihm leckten und zu gerne die Partnerin an seiner Seite wären. Gerüchte sagen, dass er sich jedoch an einen Menschen gebunden habe, was ein Vergehen sei. Und seine Schwester hatte nie das heiße Blut bewiesen, so dass es fraglich war, ob sie überhaupt in der Lage wäre, diesen Clan weiterzuführen. Auch ihr fehlte noch immer die Sjelvebindung, doch keiner hatte sie haben wollen, aufgrund ihres sogenannten Geburtsfehlers.

Plötzlich ging ein Ruck durch den rotblonden Mann am Feuer und er hob den Blick, sah direkt zu ihr hinüber, hielt ihren Blick fest. Erschrocken wollte sie zurück weichen vor diesen fast schwarzen Augen, welche davon zeugten, dass er kurz vor einer Wandlung zu sein schien, doch konnte sie nicht. Trotz des Schleiers vor ihrem Gesicht, hatte sie das Gefühl, dass er sie direkt sehen konnte, ihr Gesicht, ihre Augen und sie begann zu zittern, während die Sicht vor ihr immer mehr verschwamm, sie nur noch seine Augen sah. Der Geruch der Kräuter wurde immer intensiver, dazu mischte sich plötzlich die eisenhaltige Note von Blut. Schwerter prallten aufeinander und ein Surren lag in der Luft, welches immer lauter wurde, bis es sie fast in die Knie zwang. Sie wollte ihren Mund öffnen, um den Druck in ihrem Kopf loszuwerden, wollte schreien…

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