in Klartext

Muttertag

Viele reagieren bei dem Thema Muttertag erstaunlich schnippisch. Vor allem in der heutigen Zeit. Ein Tag, den man nicht braucht, der rein kommerziell ist, an dem hauptsächlich die Floristen verdienen und die Schokoladenhersteller. Ja, wir reden hier von Muttertag, nicht von Valentinstag. Die gleiche Argumentation wie gegen Valentinstag eben – wobei es geschichtlich tatsächlich die Floristen waren, die den Muttertag nach Deutschland geholt und etabliert haben. Da müssen wir schon ehrlich bleiben.

Ein anderes Argument ist: „Außerdem würde man an diesem Tag als Mutter doch eh nichts davon haben.“ – Ja, da gehe ich mit. Denn es kommt unter anderem darauf an, welche Sorte Partner man hat. Hat man den aufmerksamen, liebevollen, sich um alles kümmernden Partner, dann hat man als Mutter an diesem Tag eigentlich nichts auszustehen. Wenn man denn die Sorte Mutter ist, die an diesem Tag auch mal loslassen kann.

Denn nicht jede Mutter kann Verantwortung überhaupt abgeben, selbst wenn man sie ihr abnehmen möchte. Eine sogenannte Helikopter-Mutter könnte das nicht, sie wäre nicht in der Lage, die Kontrolle über ihre Kinder oder gar den Haushalt abzugeben, denn dann würde sie Kontrolle verlieren. Und eine Influencer-Mutter würde da oftmals gar nicht so anders ticken. Sie würde zwar in die Kamera lächeln und alles würde so perfekt wirken, dass sich davon tatsächlich ein Großteil der Leute beeindrucken und vor allem beeinflussen lassen würde, aber hinter der Kamera schaut die Welt oft ganz anders aus. Wer Kinder hat, vor allem kleine Kinder, weiß: Nichts funktioniert beim ersten Mal perfekt. Nichts sieht beim ersten Mal perfekt aus. Und wer mit etwas Realismus diese geschniegelt schönen Videos betrachtet, erkennt irgendwann, dass diese Mutter wahrscheinlich selbst völlig gestresst ist und vielleicht sogar viel zu viel Kontrolle behalten möchte, um Muttertag überhaupt entspannt abgeben zu können.

Ah, nicht zu vergessen die Sorte Mütter, die es tatsächlich fertig bringt zu sagen, sie wären trotz Partner „alleinerziehend“ und sich dann lachend selbst genauso bezeichnet. Und ja, natürlich gibt es Beziehungen, in denen eine Mutter trotz Partner faktisch alles allein stemmen muss. Aber ich rede hier von denen, die das Wort „alleinerziehend“ fast schon wie ein Lifestyle-Label benutzen, obwohl da sehr wohl ein Partner existiert, der Verantwortung trägt – finanziell oder organisatorisch. Was ich mich da immer frage: Weiß der Vater der Kinder eigentlich, wie über ihn gedacht wird?

Denn nein, diese Frauen sind NICHT alleinerziehend, auch wenn der Partner viel unterwegs ist, im Einsatz oder sonst wo. Sie haben immer noch genau das: einen Partner. Und oftmals sogar einen, der dafür sorgt, dass genug Geld auf dem Konto ist, damit nicht fünf Mal überlegt werden muss, ob man den Einkauf jetzt wirklich bezahlen kann oder ob ein Ausflug diesen Monat noch drin ist. Ja, sie sind mit den Kindern die meiste Zeit alleine, aber oftmals weiß man vorher, worauf man sich einlässt und entscheidet sich bewusst dafür.

Ihr merkt es vielleicht: Für diese Sorte Mütter, die sich im Netz und sonst wohin stellen und behaupten, sie wären alleinerziehend, habe ich wenig bis gar kein Verständnis und ehrlich gesagt auch nicht besonders viel Liebe zu vergeben. Tut mir leid.

Alleinerziehende Mütter dagegen müssen Haushalt, Kind, Arbeit und sämtliche anstehenden Feiertage, Geburtstage und Sorgen alleine meistern. Ohne großes Supportsystem im Rücken müssen sie Krankheiten, Ängste, Probleme und schlaflose Nächte bewältigen, während gleichzeitig im Hinterkopf kreist, wie morgen eigentlich Essen auf den Tisch kommen soll, obwohl die Miete noch runter muss, das Auto gerade kaputt gegangen ist und die Schule selbstverständlich auch wieder Geld für die Klassenfahrt haben möchte.

Sie ist Mutter und Vater gleichzeitig, muss sich teilen, funktionieren und trotzdem irgendwie weich bleiben. Sie ist die Person, die Hass, Wut, Enttäuschung und Tränen auffangen muss, ohne danach jemanden zu haben, bei dem sie selbst einmal alles abladen kann. Sie muss funktionieren, obwohl sie manchmal selbst kaum noch Kraft hat, und trotzdem jeden Morgen wieder aufstehen.

Alleinerziehende Mütter sind deshalb oftmals auf Opa, Oma, Tante, Onkel, Großmutter, Großvater oder Freunde angewiesen, denn die Zahl der Väter, die nach einer Trennung kaum oder gar keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben, ist größer als viele denken.

Rund 30 % der Väter haben keinen regelmäßigen Kontakt mehr zu ihren Kindern. Ja, da schluckt man erstmal. Aber auch da ist die Realität komplizierter, als manche sie gerne hätten. Denn darunter sind eben auch Väter, die ihre Kinder gerne sehen würden, bei denen die Mutter den Kontakt jedoch blockiert oder massiv erschwert. Und nein, damit rede ich keine schlechten oder gefährlichen Väter frei. Die gibt es. Und Kinder müssen geschützt werden. Immer. Wenn psychische oder physische Gewalt im Spiel war, wenn Angst im Raum stand oder Gefahr besteht, dann muss ein Kind geschützt werden. Punkt.

Aber niemand wird mir erzählen können, dass bei der Masse an Vätern ohne Kontakt immer genau das der Grund gewesen sein soll. Denn ja, auch Mütter können manipulativ sein, verletzend handeln oder Kinder bewusst gegen den Vater beeinflussen. Sie treffen den Vater dort, wo es weh tut. Er soll zahlen, aber bitte ansonsten verschwinden. Termine werden verschoben, Besuche kompliziert gemacht, Stimmung erzeugt. Und das alles oft so subtil, dass Außenstehende es gar nicht richtig bemerken.

Oh… wo wir gerade bei Zahlen sind. Ein Drittel der Väter zahlt keinen Unterhalt. Sie tun es einfach nicht. Bei einem Teil springt dann der Staat ein und versucht sich das Geld später wiederzuholen, ein anderer Teil der betroffenen Familien schaut dagegen am Ende einfach in die Röhre. Und natürlich sind darunter auch Väter, die mit ihren Kindern nichts mehr zu tun haben wollen. Aber dann gibt es eben auch noch diese ganz besondere Sorte Mensch, die nach außen den absoluten Übervater spielt, während die Mutter im Hintergrund einfach nur noch kotzen könnte, sich aber gleichzeitig hütet, irgendetwas Schlechtes zu sagen, damit ihr später bloß niemand vorwerfen kann, sie hätte die Beziehung zwischen Vater und Kind sabotiert.

Und bevor jetzt jemand damit kommt, dass ich hier lamentiere, ohne Ahnung zu haben:
Ich bin seit knapp einundzwanzig Jahren Mutter. Ich habe also ein Kind.
Ich bin alleinerziehend seit ungefähr dem zweiten oder dritten Lebensjahr meines Kindes.

Der Vater… hmmm, sagen wir es so: Er hat sich bemüht, achtzehn Jahre lang irgendwie Teil des Lebens seines Kindes zu sein. Ich habe nie dazwischen gestanden, habe mein Kind sogar immer wieder animiert, den Kontakt zu suchen, habe ihn informiert, wenn etwas war, habe versucht, mir niemals vorwerfen lassen zu müssen, ich hätte den Kontakt verhindert. Klar kamen trotzdem Vorwürfe. Die kommen immer. Schuld sind schließlich grundsätzlich die anderen. Vor allem die Mutter. Denn die wollte ja angeblich immer nur Geld.

Tja. Das Geld wäre tatsächlich schön gewesen. Kam aber nicht immer. Und auch das Jugendamt kam da oftmals nicht weiter. Aber ich habe es trotzdem geschafft. Immer irgendwie.

Es gab Monate, in denen ich sagen musste: „Du, das geht diesen Monat nicht.“ Und glaubt mir, das tut weh. Trotzdem habe ich immer versucht möglich zu machen, was eben möglich war, und hatte zum Glück ein Supportsystem im Rücken, das geholfen hat, wenn wirklich gar nichts mehr ging. Auch wenn das alles andere als einfach war. Und ich bin ehrlich: Es war oft psychischer und physischer Stress. Dauerstress.

Aber wenn ich heute zurückblicke und mein Kind anschaue, dann denke ich: Wir haben das verdammt gut hinbekommen. Wir beide.

Heute haben Vater und Kind keinen Kontakt mehr, weil das Kind sich nicht mehr meldet. Großes Kino, gell? Der Vater könnte ja einfach mal selbst zum Handy greifen und Kontakt suchen. Tut er aber nicht. Denn wir mussten mit psychiatrischer Hilfe feststellen, dass seit dem dreizehnten Lebensjahr nahezu jeder Kontakt vom Kind selbst initiiert wurde.

Das mit neunzehn Jahren zu hören ist übrigens so, als würde einen jemand mit eiskaltem Wasser überschütten. Und es tat unglaublich weh zu sehen, was das mit dem Kind gemacht hat – und gleichzeitig zu erkennen, wie lange es das eigentlich schon getan hatte. Aber auch das haben wir geschafft.

Daher liebe Mütter, die den Kontakt zwischen Vater und Kind verweigern, weil sie den Mann hassen: Ihr macht damit etwas mit euren Kindern. Und nein, das ist nicht richtig. Hass zwischen Erwachsenen darf niemals auf dem Rücken eines Kindes ausgetragen werden. Gebt euren Kindern die Chance, beide Seiten zu hören und irgendwann selbst zu entscheiden. Denn sonst kann es passieren, dass euer Kind daran zerbricht. Und glaubt mir: Ihr wollt nicht erleben, wie ein Kind daran zerbricht.

Doch warum eigentlich dieser lange Post voller Gedanken, Gefühle und eigener Erfahrungen? Vom Muttertag zum Mutterdasein, zum Verhalten von Müttern und Vätern?

(Und bitte, liebe alleinerziehende Väter: Schschscht. Ja, ihr macht ebenfalls einen tollen Job. Aber heute geht es nun einmal hauptsächlich um Mütter. An Vatertag geht es schließlich auch nicht plötzlich um die alleinerziehenden Mütter, die zusätzlich noch die Vaterrolle auffangen mussten.)

Heute geht es um die Mütter.
Leibliche Mütter, Stiefmütter, Adoptivmütter, Pflegemütter. Es geht um Mütter, die ihre Kinder verloren haben und sie trotzdem jeden einzelnen Tag im Herzen tragen. Es geht um Mütter, die keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben, ohne sie selbst aus ihrem Leben gedrängt zu haben. Es geht um Frauen, die irgendwann entschieden haben, für andere Menschen die Mutterrolle zu übernehmen und ungefragt genau das zu werden, was diesen Menschen im Leben gefehlt hat.

Und es geht auch um jene Mütter, die nicht mehr unter uns sind, weil sie viel zu früh gehen mussten und an die trotzdem bis heute gedacht wird – mit voller Liebe und einem Herzen, das sie niemals vergessen hat.

Es geht sogar um Großmütter, die immer noch für ihre Kinder, Enkel und vielleicht sogar Urenkel da sind. Denn auch sie sind immer noch Mütter.

Und es geht um all ihre Kinder. Nicht um die Väter – auch wenn die heute durchaus mal den Arsch hochkriegen dürften, um dafür zu sorgen, dass ihr heute wirklich einen freien Tag habt und es euch gut geht. Und ehrlich? Wenn sie das heute nicht tun, dann bleibt die Küche eben kalt. Oder ihr nehmt euch dafür spätestens an Vatertag euren freien Tag zurück. Holt euch doch endlich die Aufmerksamkeit, die ihr verdient, und hört auf euch kleinzumachen, denn Muttertag ist ein wichtiger Tag.

Denn Muttersein war nie etwas Kleines. Nie etwas Nebensächliches. Es war schon immer etwas Kraftvolles, etwas Tragendes, etwas Schöpfendes. Feiertage zu Ehren von Muttergottheiten gab es bereits im Altertum – beispielsweise im antiken Griechenland für die Göttin Rhea oder bei den Römern für die „Große Mutter“ Kybele. Vielleicht wird es einfach mal wieder Zeit, dass wir uns genau daran erinnern.

Von daher: Euch allen Müttern da draußen.

Einen wunderschönen, glorreichen, sonnigen Muttertag – und lasst die Göttin in euch heute einfach mal so richtig scheinen.

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